Wenn Nähe gleichzeitig guttut und Angst macht

Warum der Wunsch nach Nähe und das Bedürfnis nach Abstand gleichzeitig da sein können

Vielleicht kennst du diesen Widerspruch: Du wünschst dir Nähe. Eine Umarmung. Jemanden, an den du dich anlehnen kannst. Vielleicht vermisst du sogar Berührung und Geborgenheit.

Und dann kommt dir tatsächlich jemand näher – und plötzlich wird es unangenehm. Du wirst angespannt. Möchtest ausweichen. Vielleicht fühlt sich die Berührung plötzlich zu intensiv an oder du hast das Bedürfnis, wieder mehr Abstand zwischen euch zu bringen.

Das kann verwirrend sein.

Wie kann ich mir Nähe wünschen und gleichzeitig davor zurückschrecken? Doch diese beiden Bedürfnisse müssen sich gar nicht widersprechen.

Nähe ist nicht nur eine Entscheidung im Kopf

Wir können uns ganz bewusst nach Nähe sehnen und trotzdem körperlich mit Anspannung reagieren. Denn unser Erleben von Berührung hängt nicht allein davon ab, ob wir eine Person mögen oder ob wir uns eigentlich Nähe wünschen. Auch die Situation, unsere bisherigen Erfahrungen, die Beziehung zu einem Menschen, unsere persönlichen Grenzen und unser momentanes Gefühl von Sicherheit spielen eine Rolle.

Forschung zeigt beispielsweise, dass die Verarbeitung sozialer Berührung stark vom Kontext beeinflusst wird – unter anderem davon, wer uns berührt und wie wir die Situation einschätzen.

Deshalb kann sich dieselbe Berührung an einem Tag angenehm und an einem anderen Tag zu viel anfühlen.

Unser Körper darf schneller reagieren als unser Kopf

Manchmal merken wir erst durch unseren Körper, dass etwas gerade nicht stimmig ist.

Vielleicht hältst du plötzlich den Atem an. Deine Schultern werden fest. Du möchtest zurückweichen. Du wirst unruhig. Oder du bemerkst einfach ein diffuses Gefühl von: „Ich möchte das gerade nicht.“

Solche Reaktionen müssen nicht bedeuten, dass mit dir etwas nicht stimmt oder dass du grundsätzlich keine Nähe möchtest. Sie können zunächst einfach eine Information sein:

Mein Körper braucht gerade etwas anderes. Und diese Information darf ernst genommen werden.

Sicherheit ist etwas sehr Persönliches

Was sich sicher anfühlt, lässt sich nicht allgemeingültig festlegen. Für einen Menschen kann eine lange Umarmung wunderschön sein. Ein anderer mag kurze Umarmungen. Jemand anderes möchte vielleicht lieber eine Hand halten oder Schulter an Schulter sitzen.

Auch die Geschwindigkeit kann einen Unterschied machen. Es ist etwas anderes, wenn jemand plötzlich nach dir greift, als wenn du weißt, was passieren wird, gefragt wirst und selbst entscheiden kannst.

Gerade Vorhersehbarkeit und Kontrolle können beeinflussen, wie Berührung erlebt wird. Untersuchungen zu affektiver Berührung zeigen ebenfalls, dass Erwartungen und Kontext unsere Wahrnehmung von Berührung mitprägen.

Deshalb ist eine wichtige Frage nicht: „Wie viel Nähe sollte ich aushalten können?“

Sondern: „Unter welchen Bedingungen kann sich Nähe für mich gut anfühlen?“

Du musst Nähe nicht „aushalten lernen“

Wenn Berührung schwierig ist, entsteht schnell der Gedanke: Ich muss mich einfach überwinden. Oder: Andere können das doch auch.

Doch Nähe sollte kein Leistungstest sein. Es geht nicht darum, möglichst lange umarmt werden zu können oder immer mehr Berührung zuzulassen.

Viel hilfreicher kann es sein, zunächst herauszufinden, welche Form von Nähe bereits angenehm oder zumindest neutral ist. Vielleicht möchtest du neben jemandem sitzen. Vielleicht möchtest du selbst entscheiden, wann eine Berührung beginnt. Vielleicht möchtest du zunächst nur eine Hand geben. Vielleicht fühlt sich eine Umarmung gut an, solange du weißt, dass du sie jederzeit beenden kannst.

Und vielleicht möchtest du an manchen Tagen überhaupt nicht berührt werden.

Auch das ist in Ordnung.

Kleine Schritte können ganz unterschiedlich aussehen

Sich mit Nähe auseinanderzusetzen muss nicht bedeuten, dass sofort ein anderer Mensch beteiligt sein muss. Du kannst beispielsweise beobachten, wie sich unterschiedliche Formen von Körperkontakt für dich anfühlen:

eine weiche Decke um die Schultern,

ein Kissen im Arm,

die eigene Hand auf dem Unterarm,

ein warmes Körnerkissen auf dem Schoß

oder bewusstes Anlehnen an eine Rückenlehne.

Es geht dabei nicht darum, menschliche Nähe zu ersetzen. Diese kleinen Erfahrungen können vielmehr eine Gelegenheit sein, die eigene Wahrnehmung kennenzulernen:

Was fühlt sich angenehm an?

Wann wird etwas zu viel?

Was möchte ich verändern?

Nähe darf verhandelbar sein

Auch zwischen zwei Menschen muss Berührung nicht nach dem Prinzip „Ja oder Nein“ funktionieren. Dazwischen gibt es sehr viel.

„Ja, aber etwas lockerer.“

„Gerne, aber nur kurz.“

„Kannst du deine Hand dort lassen?“

„Bitte nicht am Rücken.“

„Ich möchte gerade lieber nur neben dir sitzen.“

Oder:

„Stopp, jetzt reicht es.“

Ein Ja zu einer Berührung ist außerdem kein dauerhaftes Ja. Du darfst deine Meinung währenddessen ändern. Das macht Grenzen nicht kompliziert. Es macht Nähe selbstbestimmt.

Wenn du selbst nicht weißt, was du möchtest

Manchmal ist die schwierigste Frage gar nicht:

„Wie sage ich Nein?“

Sondern:

„Will ich eigentlich Ja oder Nein sagen?“

Dann kann es helfen, nicht sofort eine Antwort finden zu müssen. Probier stattdessen einmal drei Möglichkeiten gedanklich aus: Mehr – gleich – weniger.

Wenn du gerade Nähe oder Berührung erlebst, frag dich:

Möchte ich davon gerade etwas mehr?

Ist es genau richtig so?

Oder wünsche ich mir weniger?

Vielleicht kommt die Antwort nicht als klarer Gedanke. Vielleicht bemerkst du lediglich, dass du dich bei einer Möglichkeit ein kleines bisschen entspannst. Auch das ist Wahrnehmung.

Der Wunsch nach Nähe darf bleiben

Wenn Nähe manchmal schwierig ist, musst du deinen Wunsch danach nicht kleinreden. Du darfst dich nach einer Umarmung sehnen und trotzdem nicht von jedem Menschen umarmt werden wollen. Du darfst Körperkontakt vermissen und trotzdem viel Zeit brauchen, bevor du jemanden nah an dich heranlässt. Du darfst eine Berührung genießen und fünf Minuten später Abstand brauchen.

Nähe und Grenzen sind keine Gegensätze.

Im Gegenteil:

Gerade Grenzen können dazu beitragen, dass Nähe überhaupt erst sicher und angenehm werden kann.

Dein Körper. Deine Grenzen. Dein Tempo.

Eine kleine Übung für dich

Wenn du möchtest, nimm dir heute einen Moment und vervollständige diese drei Sätze:

Nähe fühlt sich für mich angenehm an, wenn …

Ich merke, dass mir etwas zu viel wird, wenn …

Ich fühle mich sicherer, wenn ich …

Es gibt keine richtigen Antworten. Vielleicht weißt du heute auf einen Satz noch keine Antwort. Dann darf auch das so sein.

Möchtest du deine eigenen Grenzen weiter erkunden?

In meinem kostenlosen E-Book „Dein Körper. Deine Grenzen. Dein Tempo.“ findest du weitere Übungen und einen persönlichen Sicherheitsplan, mit denen du dich deinen Bedürfnissen rund um Nähe und Berührung in kleinen Schritten nähern kannst.

Wenn du zunächst alleine ausprobieren möchtest, welche Formen von Wärme, Druck und Körperkontakt sich angenehm anfühlen:

LebensLiebe in Köln

Telefon: +491749552034

E-Mail: lebensliebe@sichere-umarmung.de

Anschrift: Berliner Str. 67, 51063 Köln

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