Warum Berührung gut tun kann
Was Nähe und achtsamer Körperkontakt mit unserem Wohlbefinden zu tun haben - was sagt die Forschung?
Eine Umarmung. Eine Hand auf dem Rücken. Jemand, der unsere Hand hält. Sich an einen vertrauten Menschen anlehnen.
Berührung begleitet uns von Beginn unseres Lebens an. Und trotzdem merken wir häufig erst dann, wie bedeutsam sie für uns sein kann, wenn sie fehlt.
Dabei geht es nicht darum, dass jede Berührung automatisch guttut. Berührung ist etwas sehr Persönliches. Sie kann sich wohltuend und verbindend anfühlen – aber auch unangenehm oder zu viel sein.
Entscheidend ist deshalb nicht nur, dass wir berührt werden, sondern auch, ob die Berührung erwünscht ist und wir uns dabei sicher fühlen.
Dein Körper. Deine Grenzen. Dein Tempo.
Berührung ist mehr als ein Hautreiz
Unsere Haut ist unser größtes Sinnesorgan. Über sie nehmen wir Temperatur, Druck, Bewegung und unterschiedliche Formen von Kontakt wahr.
Wenn uns ein anderer Mensch berührt, passiert aber noch mehr: Berührung kann gleichzeitig eine soziale Botschaft transportieren.
Eine Umarmung kann beispielsweise bedeuten:
Ich bin bei dir.
Eine gehaltene Hand kann vermitteln:
Du bist gerade nicht allein.
Und manchmal braucht es dafür überhaupt keine Worte.
Gerade deshalb kann körperlicher Kontakt eine besondere Form zwischenmenschlicher Verbindung sein.
Was sagt die Forschung?
In den vergangenen Jahren wurde die Wirkung von Berührung zunehmend wissenschaftlich untersucht.
Eine große systematische Übersichtsarbeit und Meta-Analyse, die 2024 in Nature Human Behaviour veröffentlicht wurde, untersuchte 137 Studien in der Meta-Analyse sowie weitere 75 Studien in der systematischen Auswertung. Insgesamt flossen Daten von fast 13.000 Menschen ein.
Das Ergebnis: Berührungsinterventionen waren insgesamt mit Verbesserungen verschiedener körperlicher und psychischer Gesundheitsparameter verbunden.
Bei Erwachsenen zeigten sich unter anderem positive Effekte hinsichtlich Schmerzen, Angst, depressiven Symptomen und Stressparametern wie Cortisol. Die Ergebnisse unterschieden sich allerdings je nach untersuchter Gruppe, Art der Berührung und Zielgröße.
Das bedeutet nicht, dass eine Umarmung eine Therapie ersetzt oder Erkrankungen „wegkuscheln“ kann.
Es zeigt aber: Angenehme Berührung ist keineswegs bedeutungslos für unser Wohlbefinden.
Berührung und Stress
Vielleicht kennst du Situationen, in denen du angespannt bist und eine vertraute Person dich in den Arm nimmt.
Manchmal verändert sich dadurch etwas: Die Schultern sinken ein wenig, der Atem wird ruhiger oder der Körper fühlt sich weniger angespannt an.
Auch wissenschaftlich gibt es Hinweise darauf, dass Berührungsinterventionen mit Veränderungen stressbezogener Prozesse zusammenhängen können. In der großen Meta-Analyse gehörte beispielsweise Cortisol zu den Parametern, bei denen positive Effekte gefunden wurden.
Dabei lohnt sich aber eine wichtige Unterscheidung:
Berührung ist nicht automatisch beruhigend.
Wenn ich nicht berührt werden möchte, mich mit einer Person unsicher fühle oder die Berührung meine Grenzen überschreitet, kann dieselbe Situation ganz anders erlebt werden.
Deshalb gehört zu wohltuender Berührung immer auch die Möglichkeit, Nein, Stopp, weniger oder anders sagen zu dürfen.
Warum Berührung bei Einsamkeit fehlen kann
Einsamkeit bedeutet nicht automatisch, allein zu sein. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Einsamkeit als das belastende Gefühl einer Diskrepanz zwischen den sozialen Verbindungen, die ein Mensch hat, und denen, die er sich wünscht oder braucht.
Dabei kann auch körperliche Nähe fehlen.
Vielleicht gibt es Menschen zum Telefonieren oder Schreiben – aber niemanden, den man selbstverständlich einmal in den Arm nehmen kann.
Gerade deshalb sollten wir fehlenden Körperkontakt nicht vorschnell als nebensächlich abtun.
Gleichzeitig ist wichtig: Berührung allein löst Einsamkeit nicht. Soziale Verbundenheit umfasst Beziehungen, Austausch, Unterstützung, Zugehörigkeit und die Qualität unserer Kontakte. Die WHO hebt soziale Verbindung inzwischen ausdrücklich als wichtigen Faktor für Gesundheit und Wohlbefinden hervor.
Berührung kann Verbindung ausdrücken
Manchmal fehlen uns die richtigen Worte.
Ein Mensch ist traurig. Jemand hat Angst. Wir sehen uns nach langer Zeit wieder. Oder wir sitzen einfach schweigend nebeneinander.
Berührung kann in solchen Momenten etwas ausdrücken, das sich schwer in Sprache übersetzen lässt. Nähe - Zugehörigkeit - Zuwendung - Geborgenheit.
Aber auch hier gilt: Nicht jeder Mensch möchte in emotionalen Situationen berührt werden. Ein „Darf ich dich in den Arm nehmen?“ kann deshalb manchmal genauso wertvoll sein wie die Umarmung selbst.
Denn die Frage vermittelt ebenfalls:
Deine Grenze ist wichtig.
Und was ist mit Oxytocin?
Oxytocin wird im Zusammenhang mit Berührung häufig als „Kuschelhormon“ bezeichnet. Das ist zwar eingängig, aber stark vereinfacht.
Oxytocin ist ein körpereigener Botenstoff, der unter anderem an sozialen und körperlichen Prozessen beteiligt ist. Berührung und soziale Nähe werden in der Forschung auch im Zusammenhang mit Oxytocin untersucht.
Unser Erleben von Nähe lässt sich jedoch nicht auf ein einziges Hormon reduzieren. Ob eine Berührung angenehm ist, hängt ebenso von unseren Erfahrungen, der Beziehung zur anderen Person, der Situation, unseren persönlichen Grenzen und unserem momentanen Zustand ab.
Deshalb würde ich nicht sagen:
„Eine Umarmung schüttet Oxytocin aus und macht glücklich.“
Sondern eher:
Unser Körper reagiert auf Berührung auf vielfältige Weise – und der Kontext entscheidet mit darüber, wie wir sie erleben.
Wenn Nähe gleichzeitig guttut und schwierig ist
Vielleicht liest du diesen Artikel und denkst: Ich wünsche mir Berührung – aber wenn mir jemand wirklich nahekommt, werde ich unruhig.
Auch das darf sein. Der Wunsch nach Nähe und das Bedürfnis nach Abstand müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. Manche Menschen brauchen Zeit, Vertrauen und die Erfahrung, jederzeit selbst entscheiden zu dürfen, bevor sich Berührung angenehm anfühlen kann. Es muss deshalb nicht darum gehen, möglichst schnell „mehr Nähe auszuhalten“.
Viel wichtiger kann die Frage sein: Welche Form von Nähe fühlt sich für mich gerade sicher und stimmig an? Vielleicht ist das eine Umarmung. Vielleicht nur eine Hand. Vielleicht möchtest du neben jemandem sitzen, ohne berührt zu werden. Und vielleicht möchtest du heute überhaupt keine Nähe.
All das darf sich verändern.
Berührung darf selbstbestimmt sein
Wohltuende Berührung beginnt für mich deshalb nicht mit einer bestimmten Technik. Sie beginnt mit Wahrnehmung, Freiwilligkeit und Grenzen.
Du darfst ausprobieren, was sich gut anfühlt. Du darfst deine Meinung ändern. Du darfst Nähe wünschen und trotzdem Grenzen haben. Und du darfst eine Berührung jederzeit beenden – auch wenn sie sich vor fünf Minuten noch gut angefühlt hat.
Denn am Ende gibt es nicht die eine Berührung, die jedem Menschen guttut.
Es gibt nur die Frage:
Was fühlt sich für dich gerade richtig an?
Dein Körper. Deine Grenzen. Dein Tempo.
Möchtest du mehr darüber erfahren?
In meinem kostenlosen Begleiter „Dein Körper. Deine Grenzen. Dein Tempo.“ findest du weitere Informationen und kleine Übungen, mit denen du dich dem Thema Nähe und Berührung in deinem eigenen Tempo nähern kannst.
Und wenn du zunächst selbst ausprobieren möchtest, welche Formen von Wärme, Druck, Weichheit oder Körperkontakt sich angenehm anfühlen, findest du hier meine:
Quellen & Weiterlesen
Packheiser, J., Hartmann, H., Fredriksen, K. et al. (2024): A systematic review and multivariate meta-analysis of the physical and mental health benefits of touch interventions. Nature Human Behaviour, 8, 1088–1107. Studie in Nature Human Behaviour
World Health Organization (2025): From loneliness to social connection – charting a path to healthy societies. WHO-Bericht zu Einsamkeit und sozialer Verbundenheit
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