Einsamkeit und Berührung – wenn nicht nur Menschen, sondern auch Nähe fehlt

Warum fehlender Körperkontakt besonders im Alter eine Rolle spielen kann

Einsamkeit bedeutet nicht einfach, allein zu sein. Ein Mensch kann viel Zeit alleine verbringen und sich damit wohlfühlen. Gleichzeitig kann jemand von anderen Menschen umgeben sein und sich trotzdem einsam fühlen. Einsamkeit entsteht vielmehr dann, wenn die sozialen Beziehungen und die Verbundenheit, die wir erleben, nicht dem entsprechen, was wir uns wünschen oder brauchen.

Und zu dieser Verbundenheit kann auch etwas gehören, über das erstaunlich wenig gesprochen wird:

Berührung.

Eine Umarmung. Eine Hand, die unsere hält. Sich an jemanden anlehnen. Eine liebevolle Berührung am Arm. Manchmal fehlt nicht nur jemand zum Reden. Manchmal fehlt jemand zum Berühren.

Einsamkeit betrifft Millionen Menschen

Wie relevant das Thema ist, zeigt das Einsamkeitsbarometer 2024 der Bundesregierung. Es untersucht anhand repräsentativer Daten des Sozio-oekonomischen Panels die Entwicklung der Einsamkeitsbelastung in Deutschland zwischen 1992 und 2021.

Vor der Corona-Pandemie galten 2017 etwa 7,6 Prozent der Bevölkerung als einsamkeitsbelastet. Im ersten Pandemiejahr 2020 stieg dieser Anteil auf 28,2 Prozent und sank 2021 wieder auf 11,3 Prozent.

Dabei ist wichtig:

Einsamkeit ist kein reines Problem des Alters.

2021 lag die Einsamkeitsbelastung bei den 18- bis 29-Jährigen sogar bei 14,1 Prozent und bei Menschen ab 75 Jahren bei 10,2 Prozent. Betrachtet man allerdings die langfristige Entwicklung vor der Pandemie, waren Menschen über 75 Jahre am stärksten von Einsamkeit betroffen.

Das Alter allein macht also nicht einsam. Aber mit zunehmendem Alter können Lebenssituationen entstehen, die Einsamkeit wahrscheinlicher machen.

Warum Einsamkeit im hohen Alter entstehen kann

Der Partner oder die Partnerin verstirbt. Freundschaften verändern sich oder vertraute Menschen sterben. Die eigene Mobilität nimmt möglicherweise ab. Gesundheitliche Einschränkungen können dazu führen, dass Unternehmungen schwieriger werden. Vielleicht wird das Autofahren aufgegeben oder die eigene Wohnung seltener verlassen. Damit können nach und nach nicht nur soziale Kontakte weniger werden.

Auch alltäglicher Körperkontakt kann verschwinden.

Wo früher vielleicht morgens eine Umarmung des Partners selbstverständlich war, ist plötzlich niemand mehr da. Das ist eine Form von Verlust, über die wir selten sprechen.

Wenn Berührung fehlt

Für dieses Erleben wird gelegentlich der englische Begriff „Touch Deprivation“ oder umgangssprachlich „Haut-Hunger“ verwendet. Gemeint ist das subjektive Vermissen von angenehmem Körperkontakt.

Dabei sollten wir fehlende Berührung nicht mit Einsamkeit gleichsetzen. Ein Mensch kann wenig Körperkontakt haben und ihn überhaupt nicht vermissen. Und jemand kann viel Körperkontakt erleben und sich trotzdem emotional einsam fühlen. Trotzdem gibt es Hinweise darauf, dass körperliche Berührung eine eigenständige Dimension sozialer Verbundenheit sein kann.

Eine interessante Langzeitstudie untersuchte beispielsweise 1.626 ältere Erwachsene im Alter zwischen 57 und 85 Jahren. Die Forschenden betrachteten sowohl Einsamkeit als auch körperlichen Kontakt mit Familie und Freund:innen.

Menschen, die häufiger körperlichen Kontakt mit Familie und Freund:innen berichteten, zeigten über die folgenden fünf Jahre stärkere Rückgänge der Einsamkeit – selbst nachdem unter anderem die Häufigkeit sozialer Kontakte statistisch berücksichtigt worden war.

Das ist ein spannender Befund. Denn er deutet darauf hin, dass es möglicherweise einen Unterschied macht, ob wir lediglich mit Menschen zusammen sind oder ob innerhalb unserer Beziehungen auch gewünschter körperlicher Kontakt stattfindet.

Die Studie beweist allerdings nicht, dass mehr Berührung automatisch Einsamkeit beseitigt. So einfach ist menschliche Verbundenheit nicht.

Besonders relevant: Einsamkeit in Pflegeeinrichtungen

Ein Befund hat mich besonders nachdenklich gemacht. Eine vom Bundesfamilienministerium veröffentlichte Auswertung zu hochaltrigen Menschen fand während der untersuchten Pandemiephase deutliche Unterschiede zwischen Wohnformen:

Unter älteren Menschen in Privathaushalten wurden 9,5 Prozent als einsam beschrieben. Bei älteren Menschen in Heimen waren es 35,2 Prozent.

Diese Zahlen stammen aus einer besonderen Zeit und sollten deshalb nicht einfach auf jede heutige Pflegeeinrichtung übertragen werden. Trotzdem machen sie sichtbar, wie wichtig soziale Verbundenheit und Beziehungsgestaltung im hohen Alter sein können.

Denn professionelle Pflege kann vieles leisten. Aber eine pflegerische Berührung beim Waschen, Anziehen oder bei der medizinischen Versorgung ist nicht automatisch dasselbe wie eine Berührung, die ausschließlich Nähe, Zuwendung und Zeit ausdrückt. Gerade hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen.

Berührt werden – ohne versorgt werden zu müssen

Wenn wir jünger sind, begegnet uns Körperkontakt häufig selbstverständlich.

Wir begrüßen jemanden mit einer Umarmung. Wir liegen mit unserem Partner oder unserer Partnerin auf dem Sofa. Ein Kind kuschelt sich an uns. Wir halten jemanden fest, wenn es ihm nicht gut geht.

Im hohen Alter kann sich das verändern. Gerade Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind, erleben möglicherweise sogar viel funktionale Berührung – beim Waschen, Anziehen, Umlagern oder bei Untersuchungen.Aber funktionale Berührung und beziehungsorientierte Berührung erfüllen nicht automatisch dieselbe Funktion.

Eine Hand einfach einen Moment länger zu halten, gemeinsam ruhig dazusitzen oder – wenn es gewünscht ist – jemanden in den Arm zu nehmen, kann eine ganz andere Bedeutung haben.

Nicht:

„Ich berühre dich, weil ich etwas an dir tun muss.“

Sondern:

„Ich bin gerade bei dir.“

Nicht jeder ältere Mensch möchte mehr Berührung

Gerade bei diesem Thema ist mir eine Unterscheidung besonders wichtig:

Mehr Berührung ist nicht automatisch besser.

Auch ein Mensch, der einsam ist, möchte nicht zwangsläufig berührt werden. Persönliche Erfahrungen, kulturelle Prägungen, Beziehungen, gesundheitliche Situationen und individuelle Grenzen beeinflussen, welche Form von Nähe sich angenehm anfühlt.

Deshalb sollte Berührung niemals als Mittel eingesetzt werden, das jemand „über sich ergehen lassen“ muss. Sie braucht Zustimmung. Und Zustimmung darf sich verändern.

Vielleicht möchte jemand heute gerne die Hand halten und morgen nicht. Vielleicht ist eine Umarmung schön, aber eine Berührung im Gesicht unangenehm. Vielleicht möchte ein Mensch lieber gemeinsam sprechen als berührt werden.

Auch das ist Nähe.

Was können wir gegen Einsamkeit tun?

Es gibt nicht die eine Maßnahme gegen Einsamkeit.

Soziale Teilhabe, Beziehungen, Begegnungsmöglichkeiten und das Gefühl, zu einer Gemeinschaft zu gehören, spielen eine wichtige Rolle. Das Bundesfamilienministerium nennt soziale Bindungen und gesellschaftliche Teilhabe entsprechend als Faktoren, die Einsamkeitsbelastungen entgegenwirken können.

Und vielleicht sollten wir dabei auch wieder mehr darüber sprechen, welche Rolle gewünschte körperliche Nähe in Beziehungen spielen darf.

Eine Umarmung ersetzt keine Freundschaft. Eine gehaltene Hand ersetzt kein soziales Netzwerk. Berührung ist kein Heilmittel gegen Einsamkeit. Aber sie kann eine Form menschlicher Verbindung sein. Und manchmal fehlt genau diese.

Eine kleine Frage an dich

Wann hast du zuletzt eine Berührung erlebt, die sich wirklich angenehm angefühlt hat?

Vielleicht eine Umarmung. Eine Hand auf deiner Schulter. Jemand, der deine Hand gehalten hat. Oder ein Tier, das sich an dich gekuschelt hat.

Und wenn du darüber nachdenkst:

Welche Art von Nähe fehlt dir vielleicht gerade?

Du musst darauf keine schnelle Antwort finden. Manchmal beginnt es einfach damit, das eigene Bedürfnis überhaupt wahrzunehmen.

Dein Körper. Deine Grenzen. Dein Tempo.

Wenn du dich nach mehr Nähe sehnst

In meinem kostenlosen E-Book „Dein Körper. Deine Grenzen. Dein Tempo.“ findest du kleine Übungen, mit denen du deine Bedürfnisse und Grenzen rund um Nähe und Berührung besser kennenlernen kannst.

Und wenn du zunächst selbst ausprobieren möchtest, welche Formen von Wärme, Gewicht, Weichheit oder Körperkontakt sich für dich angenehm anfühlen:

Quellen

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2024):
Einsamkeitsbarometer 2024. Langzeitentwicklung von Einsamkeit in Deutschland. Berlin.
Das Einsamkeitsbarometer basiert auf repräsentativen Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus den Jahren 1992–2021 und bildet die zentrale Quelle für die Zahlen zur Einsamkeit in Deutschland. 
Einsamkeitsbarometer 2024

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2022):
Gesundheit, Miteinander und Bildung schützen vor Einsamkeit im hohen Alter. Ergebnisse der Studie „Hohes Alter in Deutschland (D80+)“.
Die Untersuchung basiert auf mehr als 10.000 Menschen ab 80 Jahren. Hierher stammen unter anderem die im Artikel genannten Werte von 35,2 % bei Menschen in Heimen gegenüber 9,5 % bei Menschen in Privathaushalten während des untersuchten Pandemiezeitraums. 
Studie „Hohes Alter in Deutschland (D80+)“

Brown, T., Giddens, R. & Wilson, S. (2021):
Longitudinal Associations of Physical Touch with Loneliness among Older Adults. Innovation in Aging, 5(Suppl. 1), 1038. DOI: 10.1093/geroni/igab046.3711.
Die Studie untersuchte 1.626 Erwachsene zwischen 57 und 85 Jahren. Häufigerer körperlicher Kontakt mit Familie und Freund:innen war mit einer stärkeren Abnahme von Einsamkeit über die folgenden fünf Jahre verbunden – auch unter statistischer Berücksichtigung der Häufigkeit sozialer Kontakte und weiterer Faktoren. Wichtig für deinen Text: Es handelt sich um einen Zusammenhang, nicht um den Nachweis, dass Berührung Einsamkeit ursächlich „heilt“. 
Studie bei Oxford Academic

LebensLiebe in Köln

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E-Mail: lebensliebe@sichere-umarmung.de

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